REUTTER/Tarr 2 Konzerte in C-dur and D-dur Klavierauszug


REUTTER/Tarr 2 Konzerte in C-dur and D-dur Klavierauszug

Artikel-Nr.: MN 30103
21,00
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Instrumentation: Trompete, Klavier
Schwierigkeit (I-VI): VI
Stimmsatz: Trompete in C bzw. D sowie hoch B bzw. A, Klavier
Serie: Edward Tarr Brass
Herausageber: Edward H. Tarr

Die Wiener Hoftrompeter und -pauker spielten bei der kaiserlichen Prachtentfaltung eine wichtige Rolle. Seit 1623 hatten sie ihre eigene Zunft mit einem durch Kaiser Ferdinand II. herausgegebenen Privileg, das von allen folgenden Kaisern bis zu Joseph II. (1767) bestätigt wurde. Das Privileg regulierte den Unterricht und versicherte, daß Trompeter und Pauker „allein vor Kayser, Könige, Chur- und Reichsfürsten, Grafen und Herren Rittermäßigen Standes, und dergl. Qualitäts-Personen exerciren, und derohalben nicht jedermann gemein sind“. So war der Wiener Kaiserhof das bedeutendste Zentrum der barocken Trompeterkunst überhaupt. (Das zweite Zentrum war Dresden, wo der Churfürst von Sachsen für die Schlichtung von Streitigkeiten, die mit dem Trompeter-privileg aufkamen, verantwortlich zeichnete.)
Während der Regierungszeit Karls VI. wuchs die Gruppe der „Musikalischen Trompeter und Hör-(=Heer-)Pauker“, die einen Teil der „Kaiserlichen Hof- und Kammer-Musici“ bildeten und dem Hofkapellmeister unterstellt waren, von 14 auf 18 Mitglieder. (Sie wurden als „musikalisch“ bezeichnet, wenn sie mehr als auswendig gelernte, emblematische Musik spielten.) Eine zweite Gruppe, die der „Hof- und Feld-Trompeter und Hör-Pauker“, die dem „Obrist-Stallmeister-Staab und Hof-Futter-Amt“ untergeordnet waren, umfaßte 17 bis 26 Mitglieder. Es war für einen Trompeter möglich, beiden Gruppen anzugehören. Dazu gab es weitere Trompeter in der Leibgarde des Kaisers und der Kaiserin. Die Hofordnung („Rubriche Generali“) schrieb klar vor, dass an „solennen“ Festtagen „Gala Grande“ angezeigt und die Orchesterbesetzung durch die Hinzuziehung zweier bzw. vierer Trompeter plus Pauken zu ergänzen war. Große Opern in dieser Besetzung wurden regelmäßig beim Namenstag des Kaisers und beim Geburtstag der Kaiserin aufgeführt.
In den Opern und kirchenmusikalischen Werken dieser Zeit gab es immer wieder Arien, bei denen die Singstimme durch ein Obligatinstrument begleitet wurde: die Trompete war eines der häufigsten Obligatinstrumente überhaupt. Auch in den Instrumentalkompositionen — Konzerten, Sonaten oder Balletten —, die für kirchliche oder weltliche Anlässe komponiert wurden, war die Trompete ein häufiges Soloinstrument, entweder allein oder als Paar. Heute sind diese Stücke, die in modernen Ausgaben nicht existieren und daher kaum bekannt sind, eine Fundgrube für Passagenwerk von höchster Virtuosität, die in dieser Hinsicht sogar die Schreibweise von J. S. Bach in den Schatten stellt. Die beiden vorliegenden Trompetenkonzerte von Reutter bilden sozusagen die Spitze dieses Eisberges.
Johann Heinisch - größter Trompeter
der Barockzeit?
Als die Kunst des Clarinblasens während des 18. Jahrhunderts am Wiener Hof zur höchsten Blüte geführt wurde, sind die Namen einiger Hoftrompeter überliefert, die solche bewundernswürdigen Leistungen erbrachten. Franz Küffel war „Ober-Trompeter“ von 1711 bis 1754. Franz Joseph Holland(t) soll sich laut eines Attestes des Hof-Kompositeurs J. J. Fux (1718) „an seinem Instrument sonderbar distinguiret“ haben. Er wirkte am Wiener Hof von 1711 bis zu seinem Tode im Jahre 1747.
Der größte Wiener Trompeter dieser Zeit, und wahrscheinlich einer der größten aller Zeiten, war Johann Heinisch (Hanisch). Das Jahr seiner Geburt ist unbekannt, aber er dürfte etwa eine Generation jünger gewesen sein als sein Leipziger Stadtpfeiferkol¬lege Gottfried Reiche (1667-1734), der die meisten Trompetenpartien J.S Bachs aus der Taufe hob. Heinisch wurde zunächst 1726-27 in den Wiener Hofakten als „Scholaren“ geführt. 1727 wurde er für einen verstorbenen Kollegen außerplanmäßig und schließlich 1730 fest angestellt, aber interessanterweise nicht gleich als „musikalischer Trompeter“, weil keine solche Stelle frei war. Er verstarb 1750.

Diese Konzerte sind ohne den Solisten Heinisch nicht denkbar, obwohl sie stilistisch etwas verschieden sind. Das Trompetenkonzert Nr. 1 C-dur stammt wohl aus den 1730er Jahren und läßt das Soloinstrument mehrmals bis zum 24. Naturton (g‘“) aufsteigen, eine Höhe, die nicht bloß einmal und angebunden erreicht wird, wie es im bekannten Konzert D-dur von Michael Haydn, das bislang als „Weltrekord-Stück“ galt, geschieht, sondern aus dem Sprung und mehrmals hintereinander artikuliert — Artistik schlechthin. Diese Höhe, einmalig in ihrer Art, wird zweimal im 1. Satz erreicht. Bereits im ersten Soloeinsatz läßt sich die ökonomische, sequenzierende Schreibweise Reutters bemerken. J. J. Quantz meinte 1752, freilich in Bezug auf Kadenzen, daß man nicht mehr als dreimal sequenzieren sollte, aber Reutter läßt die Trompete im 2. Takt dreimal und in den nächsten Takten fünfmal sequenzieren. Die Gruppe von acht Sechzehntelnoten am Ende von Takt 29 wird sechsmal in Sequenz geführt! Die Trompete schweigt im langsamen 2. Satz beider Konzerte, während die Violinen italienisch angehauchte Melancholie verbreiten. Der 3. Satz des 1. Konzerts ist im alten fugierten Stil gehalten, der eine mögliche ursprüngliche Verwendung als Kir-chenkonzert verrät. Hier steigt die Solostimme „nur“ bis zum e‘“ hinauf, wobei es dem Solisten in der abschließenden Fermatenkadenz freigestellt wird, diese Höhe nochmals zu übertrumpfen, wenn es der Ansatz erlaubt...
Das Trompetenkonzert Nr. 2 D-dur ist im modernen konzertanten Stil gehalten und stammt wohl aus den 1740er Jahren. Die Geigen rauschen, und die Solostimme ist technisch noch anspruchsvoller als im 1. Konzert, obwohl sie nicht ganz so hoch steigt wie dort. (Der (Umfang reicht in diesem Konzert bis zum 18. Naturton, der dafür einen Ton höher erklingt wie im 1. Konzert.) Hier sind die Phrasen länger, auf fast jeder längeren Note steht ein Triller, wodurch die Ausführung erschwert wird, und es sind sehr viele gebrochene Akkorde und sonstige Sprünge auszuführen, die auf der damaligen Naturtrompete zum Allerschwierigsten gehörten. Das Thema vor allem des 3. Satzes passt eher zu einem Flötenkonzert, und wir werden an den zeitgenössischen Bericht über Heinisch erinnert, in dem es hieß, „es ging die Trompete wie ein Flöte“. Meinen trompetespielenden Kollegen in aller Welt wünsche ich viel Spaß bei der Einstudierung dieser kniffligen Werke!

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